24. November Stefan Siller Kultmoderator von SWR 1 - Leute


Stefan Siller, ein Meister seines Fachs gesteht, dass er zum ersten Mal nur vor Männern spricht. Eine Rolle, die ihm aber keine Schwierigkeiten bereitet und, das merkt man schnell, ihm sichtlich Spaß bereitet. Schnell fängt er seine Zuhörer sein und fesselt sie mit dem, was er zu sagen hat. Die Anreise nach Weiler gestaltete sich etwas schwierig, ließ ihn doch die S-Bahn wieder einmal im Stich. So passt denn auch der thematische Einstieg, als er zugibt, zunächst Befürworter, dann aber Gegner von Stuttgart 21 gewesen zu sein. Den alten pünktlichen Bahnhof hätte er nicht erneuert.


Er hat zwei Sendungen mit S-21-Verantwortlichen moderiert: in der ersten Sendung war der damalige Bahnchef Rüdiger Grube sein Gast, in der zweiten Sendung S-21-Gegner Gangolf Stocker. Nicht nur in diesen Gesprächen lernte er schnell, dass ein Journalist alles hinterfragen muss, ohne dabei seine eigene Meinung zu vertreten oder gar in den Vordergrund zu stellen.


Am liebsten macht er Sendungen mit Schauspielern oder Schriftstellern. Die Atmosphäre ist einfacher und lockerer. So berichtet er z.B. von seiner Begegnung mit Mario Adorf, während der er von seinen Seitensprüngen berichtete, die er nie zugab oder die nie heraus gekommen sind. Politiker sind eher schwierige Gäste. Auf die Frage, was denn in den Pausen der Sendung gesprochen wird, wenn Musik läuft, antwortete er, dass hier keineswegs nur Smalltalk gehalten wird. Doch die Inhalte dieser Gespräche kommen natürlich nie an die Öffentlichkeit.

Die ganz genaue Anzahl der Sendungen, die er moderierte, kennt Siller gar nicht. Es waren um die 3000. Seine Sendung hat im Laufe der Zeit verschiedene Namen. Anfänglich hatte seine Sendung gar nicht den gewünschten Erfolg und sollte deswegen sogar abgesetzt werden. Daraufhin hat Siller die Sendung neu konzipiert. Eine weitere Hürde auf dem Weg war auch, dass die SWR1-Leute-Sendung bei der Fusion SWR1 und SDR wegen des in den Augen des SWR zu langen zwei-Stunden-Formats abgesetzt werden sollte. Letztlich hat sich die Sendung aber doch durchgesetzt, und das mit sehr großem Erfolg. Die Nachfolge von Stefan Siller seit seinem Ruhestand Ende 2015 ist Nicole Köster. Siller beschreibt überaus nachvollziehbar, dass er seinen Job sehr geliebt hat.


Einer seiner Lieblings-Gäste war der leider viel zu früh im Jahre 2016 verstorbene Roger Willemsen. Ebenfalls ein Meister seines Fachs, hochintelligent und eloquent. Mit ihm konnte man lockere und unterhaltsame Gespräche führen, dabei aber auch gleichzeitig mit erstaunlichem Tiefgang. So ist Siller ohnehin stolz darauf, dass er viele wichtige und bekannte Leute in seiner Sendung hatte, die gerne zu ihm kamen. So konnte er auch Harald Schmid, Angela Merkel und Gerhard Schröder in seinen Sendungen begrüßen. Sein größter Wunschkandidat, nämlich Loriot, kam aber leider nie in eine seiner Sendungen. Aber auch mit vermeintlich unbekannten Gästen hatte Siller gute Sendungen machen können.


Zusammen mit Thomas Schmid, ebenfalls ein SWR-Urgestein, hat Siller die Marathon-Musik-Sendung „Top 1000x“ erfunden und beschreibt sie als sein größtes Erlebnis.


 

 

 

Siller wusste schon früh, dass er Journalist werden wollte. Er bewarb sich bei einigen Zeitungen und wurde aber immer abgelehnt. Mit 24 Jahren hatte er dennoch seine erste Radiosendung. Seit 1979 war er beim SDR in Stuttgart. Amüsiert berichtet er, wie seine erste Begegnung mit dem Schwäbischen lautete „Wellet se a Reerle“.


Ein höchst unterhaltsamer Abend geht zu Ende. Mit Stefan Siller hatte das Weilermer Männervesper nicht nur einen sehr sympathischen und umgänglichen Menschen, sondern gleichzeitig auch einen Medienprofi als Gast, der sehr unterhaltsam und kurzweilig aus seinem Berufsleben berichten konnte. Ein Highlight in der mittlerweile sehr langen Referentenliste des Weilermer Männervesper.

12. Mai 2017 – Jörg Armbruster – langjähriger ARD-Auslandskorrespondent, Nahost-Experte, Buchautor

An diesem Abend gab es mal wieder etwas Neues beim Weilermer Männervesper: Kein Rednerpult stand auf der Bühne. Es war kein Beamer aufgestellt und keine Leinwand herabgelassen. Nur ein Tisch und ein Stuhl standen bereit.

Jörg Armbruster, Journalist, langjähriger ARD-Auslandskorrespondent und Buchautor, hatte unsere Einladung nach Weiler angenommen, um aus seinem neuesten Buch zu lesen und Fragen zu seinen Erfahrungen und Einschätzungen zur Entwicklung im Nahen Osten zu beantworten.

Foto: Ulrich Kolb

Armbruster ist vielen Menschen aus zahlreichen Berichterstattungen des ARD-Fernsehens bekannt. Nach anfänglichen Stationen bei Hörfunk und Fernsehen, wo er als Reporter und Moderator und später als Redakteur für die Innenpolitik gearbeitet hatte, war er Auslandskorrespondent und Leiter der Auslandsabteilung des SDR. Bei der ARD war er bis Ende 2012 Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten mit Hauptsitz in Kairo.

Rund 15 Jahre hat er aus den dortigen Krisengebieten berichtet und den Zuschauern die schrecklichen Ereignisse dieser Welt erklärt. Dafür hatte Armbruster zuletzt sogar sein Leben riskiert, als er am 29. März 2013 im nordsyrischen Aleppo angeschossen wurde, weil er während der Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm zusammen mit einem Kollegen in einen Schusswechsel geraten war.

Armbruster erhielt u.a. den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, eine der höchsten Auszeichnungen für Fernsehjournalismus und 2015 den Bayerischen Fernsehpreis für sein Lebenswerk.

Auch wenn er in erster Linie Korrespondent für die arabischen Länder war, hatte ihn immer auch das Land, die Geschichte und die Gesellschaft Israels interessiert, das von den arabischen Ländern umringt ist. Alle Probleme im Nahen Osten haben seit jeher mit beiden Seiten zu tun.

In seinem Buch „Willkommen im gelobten Land?“ geht Armbruster der Frage nach, was mit den Juden geschah, die vor dem zunehmenden Naziterror in den dreißiger Jahren nach Israel flüchteten. Und der Frage, wie es den Holocaust-Überlebenden und deren Kindern erging, die nach dem Zweiten Weltkrieg in das "Gelobte Land?" auswanderten, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Jörg Armbruster ist dazu durch Israel gereist, um mit möglichst vielen dieser heute um die neunzig Jahre alten Zeitzeugen zu reden. Hier ist er auf bewegende Lebensgeschichten gestoßen, die Überlebensgeschichten sind - bestimmt von dem Willen, sich gegen alle Widerstände zu behaupten.

 

 

 

 

Foto: Ulrich Kolb

Die Lesung von Ausschnitten zu den Vorkriegsemigranten überraschte und verstörte: Da flohen z.B. um 1939 Juden aus Deutschland und Österreich vor dem NS-Regime und trafen bei ihrer Ankunft in Haifa auf – Hakenkreuzbeflaggung! In einigen Stadtteilen lebten Jahrzehnte bereits viel früher eingewanderte Nachfahren der Templer, pietistische Frömmler, die aus der Ferne die aktuellen Entwicklungen in Mitteleuropa gut hießen. Und auch woanders gab es viele Probleme mit der Integration der Geflüchteten, die häufig nicht den schon länger etablierten tiefen zionistischen Glauben der bereits dort lebenden Mehrheit hatten. Diese Juden waren bereits früher überwiegend aus Osteuropa und aus Glaubensgründen hierhergekommen, weniger aus Not. Die Neuen taten sich auch schwer mit Hebräisch, waren gebildet – was hier aber kaum noch einen Wert hatte - und fortschrittlich offener gegenüber der arabischen Bevölkerung. Die Alteingesessenen dagegen wollten mit Arabern und Muslimen nichts zu tun haben, sahen diese nicht als gleichberechtigte Nachbarn an.

Aber auch die zweite große Gruppe, die Überlebenden von Verfolgung, Holocaust und Weltkrieg, die in den Vierziger und Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts in das neu gegründete Israel auswanderten und dort meinten, Beruhigung, Aufstieg, Traumerfüllung zu finden, erlebte häufig eher Enttäuschungen. Und das betraf gleich zwei Generationen: Die unmittelbaren Opfer schluckten viel Unverarbeitetes hinunter, fanden dafür dort nicht immer die erwartet offenen Ohren. Und ihre Kinder hatten von klein auf lernen müssen, damit umzugehen und endlose, geradezu selbstverleugnende Rücksicht darauf zu nehmen.

Ursprünglich sollte das Hauptthema des Abends die Lesung, das Buchthema sein – aber Armbruster war auch gern bereit, sich zu den aktuellen, brisanten und komplexen Fragen im Nahen Osten zu äußern. Und diese Fragerunde und Diskussion im wieder überaus gut besuchten Gemeindehaus-Saal gestaltete sich sehr anregend und interessant.

Für Israel und die Palästinenser befürwortet Armbruster die Zwei-Staaten-Lösung, doch da sieht er bei den derzeit regierenden Hardlinern in Israel um Netanjahu keine Aussicht auf Umsetzung. Auf der anderen Seite gibt es ebenso die Radikalen wie Hisbollah im Libanon oder Hamas im Gaza-Streifen, die Israel mit Raketen beschießen, das dann mit ca. 10-facher Härte zurückschlägt, ein kleines Land mit einer im Verhältnis extrem starken Militärmacht.

Zudem waren und sind im Nahen und Mittleren Osten seit jeher weitere Kriege und Konflikte, akut im Jemen und natürlich vor allem in Syrien. Alles ist im Umbruch, und hier ist laut Armbruster nicht zu sagen, wann das ein Ende nimmt und wie es ausgeht. Zu viele Mächte, Staaten und Gruppen wie Iran, Saudi-Arabien, Türkei, Kurden, Russland, USA (in gewisser Weise indirekt sogar Deutschland) sind dort verwickelt. Zurzeit sieht Armbruster die Türkei auf einem Verliererposten, denn sie fühlt sich durch eine im Nordirak und am Nordrand Syriens entstehende Kurdenregion bedroht, da die türkischen Kurden mit diesen einen eigenen Staat bilden wollen. Und es gibt für die Türkei derzeit in keine Richtung verlässliche Verbündete, nicht so richtig im arabischen Raum, überhaupt nicht mehr Richtung Europa.

Das Grauen und Leiden in der Region für die Zivilbevölkerung, die dann als Flüchtlinge in Millionenzahl in die Nachbarländer und weiter gedrängt wird, darf uns nicht kalt lassen. Wir leben hier so lange wie nie zuvor in Frieden und relativ hohem Wohlstand, da ist es schon gut, wenn auch wir Flüchtlinge aufnehmen.

Herr Armbruster verzichtete auf das Honorar, das unsere Referenten üblicherweise erhalten, und bat gemeinsam mit dem Männervesperteam die Gäste um großzügige Spenden für Back on Track e.V.

Wir freuen uns sehr, dass wir verkünden können, dass die Besucher dieses beeindruckenden Abends das sich so zu Herzen genommen haben und einen stolzen Betrag von 830 EUR gespendet haben. Das Männervesperteam sagt vielen herzlichen Dank Euch dafür!

Armbruster war über viele Jahre ARD-Auslandskorrespondent und Nahost-Experte. Seht HIER und HIER Video von Interviews, die mit ihm geführt wurden. HIER könnt Ihr seinen Dokumentarfilm "Zwischen Hoffnung und Verzweiflung - der neue Nahe Osten" sehen. Am 5. Januar 2017 war er zu Gast bei SWR1-Leute. Seht HIER das Video.

 

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Ankündigung

Ralph Burger

12. Oktober 2018


"Mein Pilgerweg ins spanische Santiago de Compostela"